Angewandte Gerontologie - die Wissenschaft vom Altern

Prof. Dr. Astrid Hedtke-Becker

Das interdisziplinäre Studium der Gerontologie gilt als zukunftsträchtig. Prof. Dr. Astrid Hedtke-Becker (AHB) spricht im Interview mit der Paritätischen Akademie Süd über die positiven Karriereentwicklungen von Absolventen und verrät was sich hinter der praxis-orientierte wissenschaftliche Hochschulweiterbildung verbirgt, die berufserfahrenen Experten/-innen Forschungsergebnisse aus vielen Wissenschaftsbereichen vermittelt, die sich mit Fragen des Alterns beschäftigen. Prof. Dr. Hedtke-Becker von der Fakultät für Sozialwesen an der Hochschule Mannheim ist die wissenschaftliche Leiterin für „Angewandte Gerontologie“. Eine interdisziplinäre wissenschaftliche Hochschulweiterbildung auf Master-Niveau, die in Kooperation mit der Paritätischen Akademie Süd

PAS: Gerontologie ist ein interdisziplinäres Studium: mit welchen anderen Disziplinen ist es verzahnt? Warum wurden die Schwerpunkte Allgemeine Gerontologie, Interventionsgerontologie und Gerontopsychiatrie, ausgewählt?

AHB: Gerontologie ist ein Sammelbegriff für alle unterschiedlichen Bereiche der Alternswissenschaft. Als Hauptdisziplinen gelten die Experimentelle Gerontologie (Biologische Alternsforschung), die Medizin (Geriatrie) und Psychiatrie des Alters (Gerontopsychiatrie), die Sozial- und  Verhaltenswissenschaftliche  Gerontologie (mit der Psychogerontologie und der Sozialgerontologie), die Gerontologische Pflege und die Altenarbeit, neben vielen anderen wichtigen Bereichen, neu hinzugekommen ist die Gerontotechnologie.

Für das Kontaktstudium Angewandte Gerontologie nun erhalten die Teilnehmenden einen Überblick im Schwerpunkt  Allgemeine Gerontologie, z.B. über demografische Entwicklung und soziologische Aspekte des Alterns, biologische und medizinische Aspekte des Alterns, psychologische und biografische Aspekte, Recht, soziale Sicherung und Alterspolitik, Ältere Menschen im historischen und interkulturellen Kontext u.a.

Im Schwerpunkt Interventionsgerontologie geht es um die Förderung der Gesundheit im Alter und Vorsorge gegen Krankheit, Beratung und Begleitung chronisch kranker alter Menschen und  ihrer Angehörigen, um aktuelle Pflegemodelle der gerontologischen Pflege und Unterstützung durch Technik sowie um Wohnformen, Gestaltung von Umwelt und Lebensraum.

Im Schwerpunkt  Gerontopsychiatrie geht es um psychiatrische Erkrankungen im Alter, psychosoziale Aspekte von Demenzerkrankungen und Umgang mit demenzkranken Menschen, Wohn- und Lebensformen für demenzkranke alte Menschen, psychosoziale Aspekte von Depressionserkrankungen, älter werdende psychisch kranke Menschen und auch älter werdende geistig behinderte Menschen.

Durch diese drei Schwerpunkte und die darin aufgenommenen Themen ist gewährleistet, dass die Teilnehmenden einen umfassenden Überblick über die Gerontologie bekommen und gleichzeitig an vielen Stellen auch in die Tiefe gegangen werden kann.

PAS:  Was unterscheidet das Kontaktstudium Angewandte Gerontologie der Hochschule Mannheim von anderen Studiengängen dieser Art?

AHB: Von vielen Seiten wurde die Einrichtung einer studierbaren wissenschaftlichen Weiterbildung gefordert, die speziell auf die Bedürfnisse von voll berufstätigen Praktikern und Praktikerinnen eingeht und sich zugleich von den üblichen Fortbildungen unterscheidet durch ihre Konsistenz, ihr Niveau und den Einsatz von hochqualifizierten Dozenten und Dozentinnen.  

Wir haben Rahmenbedingungen geschaffen, die das Studium möglichst angenehm machen wie z.B.  monatliche Blocktermine, die die Kombination zwischen Berufstätigkeit und Studium erlauben und zeitlich so liegen, dass trotzdem noch eine Erholungspause am Wochenende möglich ist (donnerstags bis samstags). Den Donnerstag erhalten viele Studierende als Arbeitszeit von ihrem Arbeitgeber, den Freitag nehmen sie Gleitzeiten o.ä., der Samstag ist Privatzeit.

Die Studienzeit überschaubar (ca. 1, 25 Jahre), andererseits. Darüber  hinaus gibt es eine feste Studiengruppe, die nicht zu groß ist und  in der man sich wohlfühlen kann, da z.B. durch das gerontologische Begleitseminar für eine angenehme Arbeitsatmosphäre gesorgt wird.  Das Begleitseminar soll weiterhin die Möglichkeit bieten, die Inhalte der Lehrveranstaltungen zu vertiefen und miteinander in Beziehung zu bringen, Verknüpfungen herzustellen und den eigenen Lernprozess zu reflektieren sowie individuelle Lernziele zu entwickeln und Lernzielvereinbarungen zu treffen.  

Neben der wissenschaftlichen und der organisatorischen Betreuung durch die Hochschule und die Paritätische Akademie Süd gibt es noch eine spezielle Studienbegleitung,  die an den Seminaren teilnimmt und vornehmlich für die Teilnehmer und Dozenten da ist und engen Kontakt zur Leitung und zum Tagungshaus hält, um eine bestmögliche Betreuung zu gewährleisten.

Die Dozentinnen und Dozenten werden speziell danach ausgewählt, dass sie neben ihrer hohen fachlichen Expertise auch didaktisch hochqualifiziert sind.  Für jede Einheit werden Arbeitsmaterialien und Fachaufsätze zur Verfügung gestellt.

PAS: Warum ist eine einschlägige Berufspraxis für diesen Studiengang unerlässlich?

AHB: Um die von Ihnen unten formulierten Ziele zu erreichen- dass nämlich die demografische Entwicklung Multiplikatoren und Fachkräfte erfordert, die langjährig erfahren sind und während und nach ihrem Studium unmittelbar in die Umsetzung gehen können.

PAS:  Ist es richtig, dass Gerontologen nicht nur im sozialen Bereich, sondern auch in der Stadtplanung, in Unternehmen und in der Dienstleistungsbranche gebraucht werden? Wird der Bedarf Ihrer Meinung noch zunehmen?

AHB: Wer die demografische Entwicklung ernst nehmen will- und das sollten wir alle tun- benötigt in  jedem Feld Fachkräfte mit gerontologischer Expertise, die die Bedürfnisse und Bedarfe einer alternden Gesellschaft einbringen können, ohne nur im Defizitdenken verhaftet zu sein, sondern auch die Potentiale und Ressourcen zu erkennen und in Beziehung zu setzen. Dies nimmt zu - und ich denke daran, dass Leitungskräfte und Multiplikatoren aus der Gesundheitsbranche, aus der Führungsebene von Wohlfahrtsverbänden, aus großen Kliniken, aus Pflegekassen und Privatunternehmen bereits bei uns ausgebildet wurden und neue Konzepte und Projekte entwickelt haben.

PAS: An welche Zielgruppe richtet sich die Angewandte Gerontologie der Hochschule Mannheim?

AHB: An berufserfahrene Praktiker und Praktikerinnen  mit Schlüsselfunktionen, Lehr-, Beratungs- oder Leitungsaufgaben aus allen Fachdisziplinen, die mit alten Menschen zu tun haben. Insbesondere sprechen wir auch Leitungskräfte in ambulanten, stationären und teilstationären Einrichtungen der Altenhilfe und des Gesundheitswesens sowie Mitarbeiter/-innen in koordinierenden und planenden Funktionen in Kommunen, Verbänden und Institutionen an.

PAS: Das Studium der Gerontologie gilt als zukunftsträchtig, die Berufsaussichten werden als positiv eingeschätzt. Können Sie in Kürze Werdegänge von Absolventen skizzieren, deren berufliche Tätigkeit sich durch das Studium verändert bzw. verbessert hat. 

AHB: In einer Nachbefragung von Absolventen und Absolventinnen hatte alle ihre weiteren Aussichten positiv eingeschätzt und angegeben, dass sich ihre Kompetenz und ihr Erkenntnisgewinn positiv auf ihre weitere Laufbahn ausgewirkt haben. Einzelne Beispiele sind mir darüber hinaus näher bekannt:

Eine Freiberuflerin hat durch ihr neues gerontologisches Profil neue Kunden und Einsatzfelder gewonnen,  ein leitender Arzt, der unser Studium absolviert hat, wurde danach Lehrbeauftragter an einer Hochschule, die Leiterin einer kleinen Einrichtung für Senioren wurde in ihrem Unternehmen in die Geschäftsführung auf Bundesebene berufen, eine Sozialpädagogin aus dem Bildungsbereich bereitete ihren Umstieg in die Altenhilfe vor und ist nun selbständige Anbieterin von Bildungsangeboten für Senioren und Fachkräfte in der Altenhilfe.

PAS: Haben Sie einen Literaturtipp für unsere Leser?

AHB: Kruse, Andreas, Wahl, Hans-Werner, Zukunft Altern . Individuelle und gesellschaftliche Weichenstellungen, Springer Spektrum, 2010, 10.00 Euro


Steckbrief:  Angewandte Gerontologie

•    Studienbeginn: November 2013
•    Studienort: Heidelberg
•    Studiendauer: 15 Monate
•    Abschluss: Gerontologe (FH)/Gerontologin (FH)
•    Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Astrid Hedtke-Becker
•    Gesamtkosten: 3.899,- Euro zzgl. Kosten für ECTS: 400,- Euro
•    Zielgruppe: berufserfahrene Sozial- und Gesundheitsexperten/-innen, Multiplikatoren/-innen und Mitarbeiter/-innen mit Schlüsselfunktionen und Leitungsaufgaben in ambulanten, stationären und teilstationären Einrichtungen der Altenhilfe und des Gesundheitswesens
•    Zugangsvoraussetzungen: eine mindestens dreijährige Berufserfahrung, eine Leitungs- oder Multiplikatorenfunktion (z.B. Leitung von Einrichtungen oder Abteilungen; Referententätigkeit) oder Lehr- oder Beratungstätigkeit; ein einschlägiger Hochschulabschluss; in Ausnahmefällen kann aufgenommen werden, wer seine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit auf andere Weise nachweist (z.B. durch Veröffentlichungen)
•    Kooperationspartner: Hochschule Mannheim

Kontakt.
Prof. Dr. Astrid Hedtke-Becker
Hochschule Mannheim
Paul-wittsack-Str. 10
68163 Mannheim
Tel.: 0621/292-6398
a.hedtke-becker@hs-mannheim.de


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